Anshu Jain

Anshu Jain: Britischer Bankmanager

Anshuman „Anshu“ Jain (Hindi अंशुमान जैन Anśumāna Jaina; * 7. Januar 1963[1] in Jaipur,[2] Bundesstaat Rajasthan, Indien; † 13. August 2022 in Großbritannien[3][4]) war ein britischer Bankmanager indischer Herkunft. Vom 1. Juni 2012 bis zum 30. Juni 2015 war er zusammen mit Jürgen Fitschen Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank.[5][6]

Jain während des WEFs 2013

Leben und Wirken

Herkunft und Ausbildung

Anshu Jain wurde als älterer von zwei Söhnen des Beamten Ambuj Jain und dessen Frau Shashi in Indien geboren. Er wuchs mit seinem Bruder in einer konservativ geprägten Mittelschichtsfamilie in Nizamuddin-West, einem Stadtviertel im Süden von Neu-Delhi, auf. Er war der jüngere Cousin[7] des 1951 geborenen Ajit Jain, der zur Zeit von Jains Berufung auf den Vorstandsposten der Deutschen Bank als einer der möglichen Nachfolger des US-amerikanischen Finanzinvestors Warren Buffett bei dessen Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway galt.[8]

Aufgrund einer beruflichen Versetzung seines Vaters nach Afghanistan besuchte Anshu Jain von 1975 bis 1977 eine indische Privatschule in Kabul. An der Delhi Public School Mathura Road, einer Privatschule in Neu-Delhi, absolvierte er 1980 das Higher Secondary Exam (Abitur in Indien).

Jain studierte in Indien und den USA an öffentlichen Universitäten. 1983 schloss er sein Bachelor-Studium der Wirtschaftswissenschaften am Shri Ram College of Commerce der Universität Delhi in Indien ab. 1985 erwarb er einen MBA in Finanzen an der Isenberg School of Management der University of Massachusetts in Amherst/USA.

Investmentbanker in Boston und New York (1985 bis 1995)

Nach seinem MBA-Studium 1985 stieg er als Analyst in die damalige Investmentbank Kidder, Peabody & Co. in Boston (heute Teil der UBS) ein. 1988 wechselte er zu Merrill Lynch (heute Teil der Bank of America Corporation) nach New York, baute dort die branchenweit erste Abteilung für spezielles Hedgefonds-Management auf und leitete diese als Managing Director.

Deutsche Bank in London (1995 bis 2012)

1995 verließ Jain mit seinem Mentor Edson Mitchell Merrill Lynch und ging zur Deutschen Bank nach London. Innerhalb von fünf Jahren, in denen Jain in leitender Funktion im Investmentbanking der Deutschen Bank in London tätig war, soll seine Abteilung mit ihm 16 Milliarden Euro netto, nach Abzug sämtlicher Boni, verdient haben. Grob gerechnet sind laut WirtschaftsWoche rund 50 % des gesamten Gewinns der Deutschen Bank im Jahr 2005 der Abteilung Jains zuzurechnen. Aufgrund dieser Erfolge und der entsprechenden Boni hat Jain die interne Gehaltsrangliste der Deutschen Bank in den letzten Jahren regelmäßig angeführt und war zu dieser Zeit dem Vernehmen nach der bestverdienende Angestellte einer deutschen Aktiengesellschaft. Von der Zeitschrift eFinancialNews wurde er auf Platz 2 ihrer Liste der „100 Most Influential People“ gewählt.

In den Verantwortungsbereich von Jain fielen in London auch die Bereiche der Deutschen Bank, die durch die Teilnahme an sog. Karussellgeschäften in den Fokus der strafrechtlichen Ermittlungen wegen schwerer Steuerhinterziehung, der Geldwäsche und der versuchten Strafvereitelung gerieten. Im Zuge dieser Ermittlungen wurden im Jahre 2012 Geschäftsräume der Deutschen Bank in Frankfurt durchsucht. Dabei wurden ehemalige Mitarbeiter von Jain verhaftet, denen die Hinterziehung von Hunderten Millionen Euro Umsatzsteuer vorgeworfen wurde.[9]

Ebenfalls in den Verantwortungsbereich von Jain in den Londoner Jahren fiel der Libor-Skandal, bei dem durch die Deutsche Bank ein Leitzins zu Gunsten ebendieser manipuliert worden war.[10]

Die Deutsche Bank musste mehrere Milliarden zurückstellen, um die Strafzahlungen und Verluste der Geschäfte Jains zu begleichen.[11]

Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank (2012–2015)

Jain war seit 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank. Im Juli 2011 gab die Deutsche Bank bekannt, dass Jain gemeinsam mit Jürgen Fitschen am 1. Juni 2012 den Vorsitz des Vorstandes übernehme und somit einer der beiden Nachfolger von Josef Ackermann werde. Als Co-Vorstandsvorsitzender war Jain zuständig für die Bereiche Corporate Finance, Sales and Trading sowie Global Transaction Banking.[12]

In der über 140-jährigen Konzerngeschichte der Deutschen Bank war Jain als Brite nach dem Schweizer Josef Ackermann der zweite ausländische Vorstandsvorsitzende bzw. Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank.[13] 2012 erhielt er wie Jürgen Fitschen ein Gehalt von (brutto) 4,8 Millionen Euro.[14]

Auf der Hauptversammlung am 21. Mai 2015 erhielt er nur von 61 % der anwesenden Aktionärsstimmen das Vertrauen ausgesprochen; üblich sind in solchen Fällen Zustimmungsraten von 95 % und mehr.[15] Dieses schlechte Ergebnis leitete seine Ablösung ein. Am 7. Juni 2015 gab die Deutsche Bank bekannt, dass Jain und Fitschen ihre bis zum 31. März 2017 befristeten Verträge vorzeitig beenden werden. Während Fitschen auf Bitten des Aufsichtsrats sein Mandat noch bis zum Ende der nächsten Hauptversammlung am 19. Mai 2016 ausübte, schied Jain bereits am 30. Juni 2015 aus.[16]

Ab 2016

Nach seinem Ausscheiden bei der Deutschen Bank war Jain in den USA tätig. 2016 wurde er Berater beim Fintech-Unternehmen Social Finance (Sofi) in Kalifornien. 2017 ging er zum Finanzdienstleister Cantor Fitzgerald in New York.[17]

Vorwürfe

Als Folge der in den USA ausgelösten weltweiten Subprime-Krise wurden im April 2008 auch Vorwürfe gegen Jain laut.[18] Die zuvor über Jahre anscheinend erfolgreichste Sparte (Corporate Banking & Securities) der Deutschen Bank AG schrieb unter Jains Führung im ersten Quartal 2008 nach Milliardenabschreibungen auf Kredite zur Finanzierung von Firmenübernahmen und dramatisch eingebrochenen Erlösen einen Vorsteuerverlust von 1,6 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte die Abteilung noch einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. In einer im Mai 2012 ausgestrahlten Fernsehreportage des WDR wird Jain auch für Betrügereien bei dem Verbriefen riskanter Hypotheken verantwortlich gemacht. Bei Zwangsvollstreckungen der Deutschen-Bank-Tochter Deutsche Bank National Trust wurden 1,4 Millionen Familien in den USA – unter anderem mit Hilfe von durch CBS recherchierten Dokumenten- und Unterschriftenfälschungen[19] (Robo-Signing) – aus ihren Häusern vertrieben. Die von Jain verantworteten Hypothekengeschäfte brachten der Deutschen Bank Milliarden Euro ein.[19] Der ehemalige Chef der Westdeutschen Landesbank, Ludwig Poullain, warf in einer Reportage 2012 der Deutschen Bank vor, missbräuchlich ihre Macht für Geschäfte eingesetzt und damit volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet zu haben.[19] Mit hochriskanten Wettgeschäften, an denen die Deutsche Bank – und andere Unternehmen, darunter JPMorgan Chase & Co. – hohe Provisionen verdiente und die auf falschen Zinsprognosen basierten, verloren Städte – darunter Hagen und Pforzheim, Würzburg, Neuss und Mailand –, Gemeinden und europäische Regionen – darunter die Toskana – Millionenbeträge, welche die betroffenen Kommunen zum Teil ruinierten.[20]

Dem Abschlussbericht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zu den Manipulationen des Zinssatzes Libor (→ Libor-Skandal) zufolge seien Jain, zur fraglichen Zeit Chef des Investmentbankings der Deutschen Bank, in Bezug hierzu „schwere Versäumnisse“ vorzuwerfen gewesen.[21] So habe er bei den entsprechenden Untersuchungen zur Manipulation wichtiger Zinssätze bewusst ungenaue Angaben gegenüber der Bundesbank gemacht.[22] Im Zusammenhang mit der Libor-Affäre hat die Bank zwölf Händler entlassen und neun weitere versetzt. Die behördlichen Ermittlungen dauerten mehrere Jahre.

Weitere Ergebnisse wurden im April 2015 bekannt.[23] In der ausführlichen Stellungnahme kommt die deutsche Aufsicht zu dem Schluss, dass Jain wissen musste, dass in seinem Bereich die Zinssätze manipuliert wurden und dass bewusst kein funktionierendes Risikomanagement aufgebaut wurde.[24]

Privates

Jain war britischer Staatsbürger.[1] Er sprach fließend Englisch, Hindi und ein wenig Deutsch. Privat spielte er gerne Golf und Cricket, weshalb er etwa einen Zeitschriftenartikel anlässlich des Cricket World Cup 2011 schrieb.[25][26] Er gehörte wie seine Familie der indischen Religion des Jainismus an.[27]

Jain starb am 13. August 2022 im Alter von 59 Jahren, nachdem bei ihm Jahre zuvor ein Duodenalkarzinom diagnostiziert worden war.[3][28][29]Jain hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Er lebte mit seiner Familie im westlichen Londoner Stadtbezirk Royal Borough of Kensington and Chelsea[30] und hatte weitere Wohnsitze in Frankfurt und New York.[31]

Literatur

Weblinks

Commons: Anshu Jain – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Anshu Jain – Munzinger Biographie. Abgerufen am 14. August 2022.
  2. Der Kronprinz erklimmt die Spitze. Handelsblatt, 25. Juli 2011, abgerufen am 6. Juni 2012.
  3. a b Anshu Jain Has Died After Battle With Cancer, Family Says. In: Bloomberg. 13. August 2022, abgerufen am 13. August 2022 (englisch).
  4. Former Deutsche Bank CEO Anshu Jain dies aged 59.
  5. Ackermann-Nachfolger: Anshu Jain – Wider die Deutschtümelei (Memento vom 2. Juni 2012 im Internet Archive) bei ftd.de. 31. Mai 2012, abgerufen am 1. Juni 2012.
  6. Jain und Fitschen werfen hin: Früherer UBS-Vorstand John Cryan wird Deutsche-Bank-Chef. In: faz.net. 7. Juni 2015, abgerufen am 21. Januar 2016.
  7. Handelsblatt, 1. Juni 2012: Die Jains regieren die Welt
  8. Berkshire Hathway Shareholder Letter for 2014 (PDF) Abgerufen am 14. April 2015: „his successors would not be ‘of only moderate ability.’ For instance, Ajit Jain and Greg Abel are proven performers“
  9. Christian Teevs, Stefan Kaiser, DER SPIEGEL: Wie die Deutsche Bank in den Steuerbetrug verstrickt ist – DER SPIEGEL – Wirtschaft. Abgerufen am 10. Januar 2020.
  10. Die dunkle Seite der Deutschen Bank. spiegel.de. 12. Dezember 2012. Abgerufen am 14. Januar 2020.
  11. Strafzahlungen – Die Niederlagen der Deutschen Bank. zdf.de. 29. November 2018. Archiviert vom Original am 25. September 2019. Abgerufen am 14. Januar 2020.
  12. Die perfekte Inszenierung des Anshu Jain. In: Handelsblatt Online, 13. Juni 2012.
  13. Gleich zwei neue Chefs für die Deutsche Bank. (Nicht mehr online verfügbar.) Neue Zürcher Zeitung, ehemals im Original; abgerufen am 26. Juli 2011.@1@2Vorlage:Toter Link/www.nzz.ch (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  14. Andrea Rexer: Jain verzichtet auf zwei Millionen Euro. In: sueddeutsche.de, 24. März 2013.
  15. Hauptversammlung der Deutschen Bank – Denkzettel für Jain und Fitschen (Memento vom 23. Mai 2015 im Internet Archive)
  16. Ergebnisübersicht zum 30. September 2020. Abgerufen am 14. August 2022.
  17. Früherer Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain ist tot. In: SPIEGEL Online. 13. August 2022, abgerufen am 13. August 2022.
  18. Lutz Reiche: „Vision“ geplatzt manager magazin online, 25. August 2012
  19. a b c ARD, WDR, 21. Mai 2012: Verzockt – und verklagt: Die guten Geschäfte der Deutschen Bank (Memento vom 15. Juni 2012 im Internet Archive), Fernsehreportage
  20. Ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie, 2013: Dossier: Black Planet Award 2013
  21. Deutsche Bank. Heftige Vorwürfe gegen Noch-Chef Jain. In: Süddeutsche Zeitung. 12. Juni 2015, abgerufen am 10. März 2018.
  22. Libor-Skandal. Neue Vorwürfe gegen Deutsche-Bank-Chef Jain. In: Welt. 28. Juni 2015, abgerufen am 10. März 2018.
  23. Harald Freiberger: Libor-Skandal: Deutsche Bank bezieht Prügel von der Aufsicht. In: sueddeutsche.de. 23. April 2015, abgerufen am 10. März 2018.
  24. DocumentCloud Document Viewer. Abgerufen am 10. Januar 2020.
  25. Georg Meck: Anshu Jain, der Banker, der „The Deutsche“ umbaut. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nr. 40, 7. Oktober 2012, S. 28–29.
  26. „Cricket, Lovely Cricket“, Newsweek Magazine vom 13. Februar 2011 (Memento vom 5. Juli 2012 im Internet Archive)
  27. Michael Borgolte: Die Welten des Mittelalters. C. H. Beck, München 2022, ISBN 978-3-406-78446-0, S. 318.
  28. Former-Deutsche Bank CEO Anshu Jain dies, aged 59 In: Financial Times, 13. August 2022, abgerufen am 13. August 2022.
  29. Gerald Braunberger: Ein Treiber und Getriebener In: faz.net, 13. August 2022, abgerufen am 18. August 2022.
  30. Selbstdarstellung G. Jain (Memento vom 23. Mai 2015 im Internet Archive)
  31. Kim Velsey: Deutsche Bank Boss Anshu Jain Invests In $7.2 M. Beacon Court Spread. Observer Media, 11. Mai 2012, abgerufen am 3. Juni 2015 (englisch).

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